SC Bern: Das Goalie-Dilemma bleibt ungelöst – und einer muss vieles ausbaden
Unfaire Kritik, teure Tauschgeschäfte, verschmähte junge Goalies. Die Diskussion rund um die SCB-Torhüter ist komplex.
Kristian Kapp
Die Spiele des SC Bern sind zäh und oft torarm. Das ist besonders für einen Spieler hart: Adam Reideborn.
Es lohnt sich, ein paar Statistiken des Goalies unter die Lupe zu nehmen. In 20 seiner 29 Spiele kassierte er zwei oder weniger Gegentore - erst dreimal waren es mehr als drei. Gegentorschnitt: 2,08. Prozent gehaltener Schüsse: 92,2.
Reideborn hat zudem gemäss Liga-Analytics im Vergleich mit der Torgefahr sechs Gegentreffer weniger als erwartet zugelassen.
Das sind alles Top-Werte, dennoch hat er mehr Spiele verloren als gewonnen. Auch darum steht er immer wieder in der Kritik.
Bitter: Nur in 8 der 20 Spiele, in denen der Schwede zwei oder weniger Treffer zuliess, reichte es dem SCB für die vollen drei Punkte.
Der Goalie als Opfer eines offensiv harmlosen Teams.
Oder der Goalie, dank dem ein offensiv harmloses Team überhaupt hin und wieder gewinnt.
Darüber, was eher zutrifft, lässt sich debattieren.
Der SC Bern hat vier Goalies
Gerade rund um den SC Bern, bei dem die Goalieleistungen das allerkleinste Problem sind (sie sind eigentlich überhaupt kein Problem), ist die Torhüterdiskussion seit Saisonbeginn allgegenwärtig.
Natürlich hat sich das der SCB mit vier Goalies auf der Lohnliste und wenig Mut zum Risiko auch selbst eingebrockt. Weil der Club weder Andri Henauer (23) noch Christof von Burg (25) die Rolle als Back-up zutraute, holte er auch noch Sandro Zurkirchen (35). Dessen Zahlen sind ordentlich. Dass Bern in der Tabelle hinten zu finden ist, liegt nicht am Routinier.
Aber: Henauer war letzte Saison als Leihspieler in Basel statistisch bester Torhüter der Swiss League.
Von Burg ist dies zurzeit beim Überraschungsteam Thurgau auf noch eindrücklichere Weise: 13 Siege in 15 Spielen, 1,45 Gegentorschnitt, 95,7 Prozent gehaltene Schüsse.
All das scheint nicht zu reichen. Henauer kam beim SCB in mittlerweile fast drei Saisons zu erst einem Teileinsatz in einem Spiel. Das Debüt von Burgs wird wohl erst 26/27 erfolgen, wenn er fix im SCB-Kader eingeplant ist.
Dass SCB-Trainer Heinz Ehlers im immer näher rückenden Schlussspurt der Qualifikation nicht mit Goalie-Experimenten beginnt, leuchtet ein.
Das Versäumnis geschah früher, schon letzten Sommer. Es war eine Luxussituation, die der SCB nicht genutzt hat: zwei jüngere Torhüter hinter Reideborn zu wissen und damit einen gesunden Konkurrenzkampf um die Nummer 2 zu lancieren.
Im Idealfall hätte man in Bern heute schon die Gewissheit, nächste Saison auf das Duo Henauer/von Burg setzen zu können. Die Diskussionen um Import-Goalies, die einem ausländischen Feldspieler den Platz wegnehmen. Oder jene um teures Abwerben von einem der Schweizer Goalies in Lausanne. Alles könnte bereits Makulatur sein.
So oder so wäre der SCB kein bisschen schlechter dran als derzeit.
Das Problem des SC Bern liegt woanders
Berns Problem liegt in der Offensive. Nicht beim Schussvolumen, sondern bei der Qualität. Das lässt sich sogar mit dem Blick in die Liga-Analytics belegen. Kein anderes Team kommt prozentual zu so wenigen Abschlüssen nach schnellen Gegenstössen wie der SCB - und das ist nun mal die vielversprechendste Art, Torgefahr zu kreieren.
Gleichzeitig sucht kein anderes Team sein Heil so oft mit langen Druckphasen in der gegnerischen Zone. Der SCB ist damit das exakte Gegenteil von Leader Davos, der prozentual am häufigsten mit schnellen Kontern operiert und am seltensten mit Puckbesitz in der Offensivzone.
Um auf diese Art die Gegner spielerisch zu überwinden, fehlen dem SC Bern Klasse und Breite. Sie mögen wie Reideborn ebenfalls viel gescholten sein, doch die Torchancen kreieren vor allem die ausländischen Stürmer. Dumm nur, dass bislang wegen Verletzungen fast nie alle vier gleichzeitig einsetzbar waren.
Immerhin gibt es kurzfristig Licht am Horizont. Die Mittelachse sollte mit dem aus Lugano gekommenen Mike Sgarbossa und dem bald genesenen Langzeitverletzten Benjamin Baumgartner ein Upgrade erfahren. Das müsste dem ganzen Offensivspiel des SC Bern guttun.
Die Diskussion um die noch zu lösende Goalie-Situation für nächste Saison beendet all das aber nicht.